Der echte Andreas Kneller

Kneller ist ein interessierter Mensch, einer, der das Leben liebt, ein ruhiger Typ, zweifellos und doch ein aufmerksamer Beobachter. Kneller ist Intellektueller und Skeptiker dazu, »an allem ist zu zweifeln«, das hat er von Marx gelernt. Man kann diesen Kneller mögen, doch Kneller ist tot.
Sicher ist es heuer den wenigsten Menschen vergönnt, bereits zu Lebzeiten die Augenzeugen des eigenen Todes zu werden. Manche befragten das Orakel in Delphi und sahen in das eigene Angesicht, die Wangen voll Blut, die Mimik ein Schrei aus Schmerz und Schmach. So zogen sie in das Gefecht und verloren das Leben, bevor das Leben sie verlor. Andere sprechen von Erfahrungen, stiegen aus dem eigenen Körper empor und sahen sich liegen, die Haut ein Leichentuch. Jene, die den Tod erleben, tragen fortan einen Schatten mit sich und leben den Tod in einer Nebelwelt, waten im Styx und winken dem Fährmann mit glühenden Wangen.
Mein Leben ist schön, mit bescheidenem Glücke geschmückt. Ein Odem aus Lust umgibt meinen Geist, der Körper ist hager und zäh und warmes Blut fließt durch seine Adern. Der Regisseur kennt mich, er ist mein Freund, doch der Regisseur hat mein Todesurteil gesprochen.
So sehe ich mich auf der Treppe, die stets nach oben führt; gefesselt, gemartert, die Augen weit dem Meere entgegen, der Torso Soljanka. Hier bin ich Objekt, denn wenn ich gehe, bleibt nur meine Hülle hier. Schergengleich dem Unheil dienend, ziehe ich Täter und Opfer zu mir hinab, der Tod formt meinen Charakter. Wer ganz unten liegt, der ruhet in Frieden, über meinem Körper ein Feuerregen. Hier sehe ich mich, im Tod, im Leben, im Nebel. Den Schwaden gleich bin ich nun schwerelos, nicht zu greifen und sehe mich von oben, mich und jene, die hinter den Spiegeln sind. Im Spiegel sehe ich mich selbst, er spricht zu mir, »ich werde überstehen«.
Der Regisseur kennt mich, er hätte es wissen müssen. Kneller ist Fabulist, einer der in Nebelschwaden wandert und Kerzen im Moore aufstellt. Kneller ist tot, lang lebe Kneller.


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